"Goodbye my friend, it's hard to die...

...when all the birds are singing in the sky." (Songtext, Terry Jacks)


In der letzten Woche habe ich an 3 von 7 Tagen jeweils eine ganze Zeit auf verschiedenen Friedhöfen in Ratingen und Düsseldorf verbracht. Wenn ich zurückdenke, komme ich sofort wieder in diese surreal unruhige Ruhe, die mir durch Haut und Knochen direkt in die Seele kriecht. Immer wieder. Einfach nur hingehen, das geht einfach nicht! Jeder noch so kurze Moment der Stille am Grab, jede Unterbrechung der unbeholfenen Gespräche der Trauernden, jeder Schritt über den dunkelorangen Kies verrät: Auch dieses Mal bleibt ein kleiner Teil von mir hier! Ich warte und bange. Wird die eilige und schrille Glocke der Kapelle noch einmal läuten? Sie lässt mich innehalten. Dieses Gefühl kenne ich bereits seit Kindertagen. Die Gänsehaut dieser Glocken ist noch dicker und intensiver als die, die die frisch geputzten Lederschuhe verursachen, wenn sie über den Kies knirschen. Dieser Klang ist einer derer, die es nur auf Friedhöfen zu geben scheint. Diese Gänsehaut bringt mich zurück zu mir, oder zumindest zu dem Rest von mir, der nun voller Erkenntnisse wieder zurück ins Leben muss. Dieses geliebte Leben.

"Mein Vater wohnt jetzt hier" war der Titel eines meiner ersten Fotos damals in der fotocommunity. Im Spätsommer 2001 hatte er die Rückreise angetreten, ohne das vorab mit uns besprochen zu haben. Ich hatte nun seine (natürlich analoge) Spiegelreflexkamera geerbt - und mit Tränen auf den Wangen meine ersten Bilder seit seinem Tod gemacht. Von seinem Grab. An diese Tränen kann ich mich noch gut erinnern - jedoch ohne sie wirklich spüren zu können. Es ist viel Zeit vergangen seither und ich habe mit den Dingen, die wir nicht mehr klären konnten, meinen Frieden gefunden. Er auch, das weiss ich. Die Erinnerungen tun nicht mehr weh und ich schaue immer mal vorbei bei ihm. So auch diese Woche. An seine Stimme kann ich mich nur noch manchmal erinnern. Seinen langen, dunkelgrünen Lodenmantel kann ich noch an meinen Händen spüren und auch sein Geruch, niemals ohne einen Teil frisch geölten Leders (Gürtel, Schuhe, Tasche...), ist mir nie aus der Nase gegangen. Niemals geht man so ganz... Er selbst war nie gern auf Beerdigungen, "denn da trifft man immer die gleichen Leute, die einem zeigen wie, alt man selbst geworden ist". Hab ich nie verstanden. Bis letzten Donnerstag. Da war dieses Mal beispielsweise der liebe Max (*Name geändert), mit dem ich erst in der Schule und später (so mit 19) in der Krankenpflegeausbildung meine Tage verbrachte. Nicht wenige wilde Parties im "Schwesternwohnheim" lassen mich gern zurückdenken. Und jetzt? ...ist das über 20 Jahre her und wir treffen uns wieder - und zwar nicht auf einer coolen Party mit den Leuten alter Tage, sondern auf einer Beerdigung. Wahnsinn, dieses Leben.


Die Energie der Erkenntnis ist stärker als der Tod

Für den Moment tut es weh. Es ist dieser Schmerz, der einen immer wieder kurz und (etwas verwirrt) lächeln lässt. Während Tante X sich vielleicht kurz darüber ärgert, erinnere mich an den ein oder anderen, gemeinsamen Moment, den die Gefühle dieser letzten Begegnung wieder ausgegraben haben. Vielleicht wäre diese Erinnerung für immer verschüttet geblieben, ohne diesen letzten Gang? Ich erinnere mich an das Leben mit diesen Menschen, ganz ohne an das Sterben zu denken. Ich habe eben nochmal lange nachgedacht: Echt viele Menschen musste ich mit beerdigen bisher, aber ich glaube noch nie dabei an das Sterben gedacht zu haben - meine Gedanken drehten sich immer um dieses wundervolle Leben! Und dennoch bleibt immer ein Teil von mir dort...

...weil ich bemerke, wie unwichtig so viele unserer Sorgen sind! Was wir Probleme nennen, sind häufig Situationen, die uns unser unreflektierter Umgang mit dem Leben bescheren. Wir streiten um Dinge, die wir auf dem Friedhof plötzlich als unwichtig erachten - um uns am folgenden Tag gleich wieder tief in sie hinein zu steigern! Dabei sind diese Probleme nicht nur für den Moment auf dem Friedhof klein- sie sind es immer! Aber wenn der Schmerz des Abschieds nachlässt, die Gänsehaut der Kapellenglocken wieder abgeklungen ist, dann steigt unser eigener Schmerz wieder in uns hoch. Unsere alten Wunden und Verletzungen verführen uns Kämpfe zu kämpfen, deren Schauplatz meist schon viele Jahre nicht mehr existiert. Vielleicht, weil wir beim letzten Mal auf dem Friedhof nicht auf das schrille Schellen der Glocken gewartet haben? Der schmerzhaft ehrliche Blick in den Spiegel hilft schon dabei, im Denken aus unseren ganzen "Problemen" nun "zu lösende Situationen" zu machen - wirklich gelassener machen mich aber so einschneidende Erkenntnisse wie diese tiefe Ruhe, die mich auf dem Friedhof anschreit. Von Innen nach Aussen, nicht umgekehrt. Diese Ruhe ist das, was ich mitnehme. Jedes Mal. Dieser Teil von mir, der bei jeder weiteren Beerdigung auf dem Friedhof bleibt, ist die Aufregung über die eigentlich unaufregenden Dinge des Lebens. So habe ich immer wieder ein Gefühl, dass ich mich lange nicht zu fühlen getraut habe: Es fühlt sich wie ein kleines Abschiedsgeschenk an, wenn ich nach dem Beerdigungs-Kaffee nochmal wiederkomme (mache ich immer) und merke, dass wieder ein Teil meiner Alltagslast abgefallen ist. Ich habe wieder mal gemerkt, dass dieses Leben viel schöner und lebenswerter ist, als es mir der Alltag in den Tagen zuvor erlauben wollte. Dafür bin ich Euch allen, die Ihr schon gegangen seid, tief dankbar! #Achtsamkeit


>> Wie ich übrigens auf diesen Titel gekommen bin, erfährst Du im Podcast!

Und die Fotografie? Sie wird mir bei Zeiten helfen, mich noch tiefer und intensiver hinein zu denken. Manchmal schon wenige Stunden danach... Der Rest der Woche war stürmisch und etwas zeitnötig, aber voller Leben! Schön, dass Du mich hier wieder besucht hast, bis nächste Woche! :) Herzlich, Falk (Hast Du schon den Monatsbrief von Fotografie tut gut abonniert? Tu das, dann verpasst Du nicht, wenn der Freundeskreis seine Tore öffnet!)


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